Doktorandin: „Ich habe das Gefühl, dass ich zu wenig weiß”

imposter syndrome

Foto: Creativeart, Freepik

Sie trägt einen strahlend weißen Laborkittel, hat ein Reagenzglas in der linken Hand, während sie mit der rechten allerlei Knöpfe auf einer komplex aussehenden Maschine drückt. Die Doktorandin Katrin Heidemeyer scheint alles unter Kontrolle zu haben. Doch obwohl sie ihre Arbeit erledigt, Ergebnisse erzielt und ihre Kollegen sie sehr schätzen, zweifelt sie an ihren Fähigkeiten. Die 31-jährige Heidemeyer leidet an dem so genannten Hochstapler-Syndrom: “Ich habe Angst, dass meine Kollegen denken könnten, ich sei nicht klug genug.”

Das Gefühl, dass man keine Ahnung hat was man tut, dass man nicht kompetent genug ist, wird als Hochstapler-Syndrom bezeichnet. Selbstzweifel kommen in unterschiedlichem Ausmaß vor, sind aber häufiger als man vielleicht denkt. An der Universität, an der Heidemeyer arbeitet, gaben 19 von 32 Doktoranden an, an dem Hochstapler-Syndrom zu leiden. Es ist an der Zeit, die Geschichte einer von ihnen zu hören: Katrin Heidemeyer erzählt von ihren Erfahrungen.

Wie fühlt sich das Hochstapler-Syndrom an?
Für mich fühlt es sich so an, als wären meine Kollegen besser in ihrer Arbeit als ich. Wenn ich meine Arbeit und mein Wissen vergleiche, scheinen sie immer mehr zu wissen. Zum Beispiel scheinen meine Kollegen jede Woche neue Erkenntnisse zu präsentieren, als ob es ihnen leichter fällt, während ich meinen Hintern abarbeite und darum kämpfe, Ergebnisse zu erzielen. Und egal wie viel ich über mein eigenes Thema weiß, ich habe immer das Gefühl, dass andere noch mehr wissen. Deswegen fühle ich mich quasi wie ein Hochstapler und habe Angst, als nicht gut genug enttarnt zu werden.


Ich fange plötzlich an daran zu zweifeln, ob ich mein Projekt gut genug verstehe”


Hast du diese Zweifel ständig?
Wann immer ich Experimente durchführe, bin ich mir meiner Sache sicher. Wenn ich später mit meinen Kollegen oder meinem Chef über meine Ergebnisse diskutiere, zweifle ich plötzlich daran, ob ich das Thema genug verstehe. Alles, was ich weiß, scheint mir grundlegend zu sein und ich fühle mich dumm, nicht mehr zu wissen.

Schaust du zu deinem Chef und deinen Kollegen auf?
Ich fühle mich bei meinen Kollegen und meinem Chef wohl und schaue zu einigen von ihnen auf. Tatsächlich ist mein Chef mein Vorbild: Er ist sehr klug, versteht neue Themen schnell, scheint die gesamte Literatur auswendig zu kennen und kann all diese Dinge in kürzester Zeit miteinander verbinden. Diese Fähigkeiten spiegeln sich auch in der Fülle an beruflichen Leistungen, wie Veröffentlichungen und erhaltenen Forschungsgeldern, wider. Darüber hinaus ist er sehr nett und hat hervorragende soziale Fähigkeiten. Vom ersten Tag an sah ich zu ihm auf: Ich wollte so sein wie er.

Das klingt nach hohen Erwartungen
Ja, im Nachhinein habe ich die Messlatte zu hochgelegt und das hat den Stress meiner Arbeit erhöht.


„Ich dachte, schlechte Ergebnisse bedeuten, dass ich schlecht in meinem Job bin


Beeinflusst das Hochstapler-Syndrom deine Arbeit?
In der Vergangenheit hat es das. Wahrscheinlich hatte das mit meinen hohen Erwartungen zu tun. Ich wollte so schnell wie möglich bahnbrechende Ergebnisse liefern. Als ich meine hoch gesetzten Ziele nicht erreichte, fühlte ich mich schlecht und nahm diese Gefühle mit nach Hause. Infolgedessen habe ich nicht gut geschlafen, was zu weniger Konzentration am nächsten Tag und mehr Fehlern führte. Ein Teufelskreis.

Das Hochstapler-Syndrom hat also deine Ergebnisse beeinflusst?
Für mich war es so. Es hat dadurch länger gedauert, Ergebnisse zu erzielen. Wirklich schlimm war es, nachdem mein erstes großes Experiment fehlschlug. Ich dachte, diese schlechten Ergebnisse bedeuteten, dass ich für meine Arbeit zu schlecht wäre. Ich ging davon aus, in der Probezeit gefeuert zu werden.


Selbst meine klügsten und talentiertesten Arbeitskollegen machen auch Fehler


Du bist noch immer Doktorandin. Also nehme ich an, du wurdest nicht gefeuert?
Nein, als ich das Thema ansprach, hat mein Chef mich ausgelacht. Das war nicht böse gemeint, ich denke, er war nur überrascht über diese Annahme. Ich erinnere mich, dass ich mich erleichtert gefühlt habe, aber ich bedauere, dass ich damals nicht mehr darüber gesprochen habe. Weil dieses Erlebnis das Hochstapler-Syndrom bei mir sehr verstärkt hat. Erst später stellte sich heraus, dass viele andere Kollegen an dem gleichen Experiment scheiterten, diese Niederlage also nichts mit meinen Fähigkeiten zu tun hatte. Außerdem habe ich gelernt, dass misslungene Experimente Teil des Alltags jedes Forschers sind. Da ich mich zu der Zeit aber für mein vermeintliches Versagen geschämt habe und meine Kollegen auch nicht über ihre Niederlagen sprachen, blieb ich erstmal in dem Glauben unfähig zu ein.


Es hilft zu wissen, dass ich nicht die einzige bin, die unter dem Hochstapler-Syndrom leidet”


Erlebst du das Hochstapler-Syndrom heutzutage weniger?
Ja, viel weniger als noch vor ein paar Jahren. Das hat nichts mit der Erfahrung oder dem Wissen zu tun, was ich auf meinem Gebiet über die Jahre angesammelt habe, stattdessen habe ich gelernt, damit umzugehen. Ich sage mir: „Ist doch egal, was andere denken“. Auch die klügsten Leute um mich herum machen Fehler. Dann halte ich sie nicht für dumm, ich denke nur, dass eine intelligente, fähige Person etwas getan oder gesagt hat, das nicht so klug ist. Deshalb glaube ich, dass es andersherum auch so ist: Wenn ich etwas dummes sage oder tue, gehe ich nicht davon aus, dass meine Kollegen mich für dumm halten. Und selbst wenn, ist es doch eigentlich egal, was andere denken. Es hat mir aber auch geholfen, offen über das Hochstapler-Syndrom zu sprechen.

Mit wem hast du über deine Zweifel gesprochen?
Mit jedem, der es hören wollte. Heutzutage spreche ich sehr offen über das Thema. Ich diskutiere meine Zweifel mit Freunden, Kollegen, meinem Partner und meinem Chef. Mir hat das sehr geholfen. Besonders Gespräche mit anderen Doktoranden, da sie mit denselben Problemen konfrontiert sind und einige von ihnen sogar dieselben Zweifel haben. Es hilft sehr zu wissen, dass ich nicht die einzige bin, die an dem Hochstapler-Syndrom leidet. Selbst Kollegen, zu denen ich aufschaue, zweifeln manchmal an sich. So habe ich überhaupt erst davon erfahren und mir wurde klar, dass meine Zweifel unbegründet waren.


Obwohl es beängstigend ist, empfehle ich anderen, offen über ihre Zweifel zu sprechen”


Fühlst du dich wohl damit, deinem Chef deine „verletzliche Seite“ zu zeigen?
Zu Beginn nicht, weil ich meine Gefühle, meinen Stress und meine Kämpfe als Schwächen ansah, von denen niemand etwas wissen sollte. Aber nach einer Weile öffnete ich mich und jetzt rede ich darüber, wann immer das Gefühl wiederauftaucht. Mein Chef beruhigt mich dann und erinnert mich daran, dass (fast) jeder diese Probleme kennt.

Es scheint, dass du auf dem besten Weg bist, das Hochstapler-Syndrom zu überwinden. Möchtest du nach deiner Promotion weiter als Wissenschaftlerin arbeiten?
Die Wissenschaft hat mir viel beigebracht, und ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich gesammelt habe. Aber ich möchte nach meiner Promotion nicht weitermachen. Gute Ergebnisse in der Wissenschaft zu erzielen ist schwierig und die kleinen Belohnungen, die Ergebnisse, sind die investierte Mühe nicht wert.

Was würdest du anderen Menschen empfehlen, die am Hochstapler-Syndrom leiden?
Auch wenn es beängstigend ist: sprecht offen darüber. Man muss ja nicht rumlaufen und es allen erzählen. Es reicht schon, wenn man einen Menschen findet, dem man sich anvertrauen kann: einen Freund, einen Kollegen, den Partner oder die Eltern. Ich glaube, auch andere werden feststellen, dass sie nicht die einzigen sind, die mit dem Hochstapler-Syndrom zu kämpfen haben.


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