Die Krise des Erwachsenwerdens

Hattest Du jemals Angst davor, die falsche Entscheidung zu treffen?  Ist die Antwort Ja, dann bist Du damit nicht allein. Besonders junge Menschen haben oft Schwierigkeiten, aus den zahllosen Möglichkeiten für sich den richtigen Weg zu finden. Das kann mitunter eine richtige Krise hervorrufen, die so genannte Quarter Life Crisis. Denn die Angst, eine falsche Wahl zu treffen, kann ziemlich überwältigend sein. Andere hadern mit dem bereits gewählten Weg, wenn sich dieser für sie als falsch entpuppt. Doch es steckt auch Hoffnung in der Situation, denn es gibt Möglichkeiten damit umzugehen. Wie das funktionieren kann, erklärt Anna Jansen, eine Sozialarbeiterin an der Universität Wageningen und Research in den Niederlanden.

Was genau ist eine Quarter Life Crisis?

In den späten 20ern bis frühen 30ern ändert sich bei vielen von uns das Leben. Wenn aber gewisse Erwartungen an diese Änderung nicht erfüllt werden, kann das für manche recht schwer zu ertragen sein. Dann spricht man von einer Quarter Life Crisis, die in zwei Formen auftreten kann. Einmal eine Krise, bei der man sich eingesperrt fühlt, einmal eine Form der Krise, bei der man sich ausgesperrt fühlt. Im ersten Fall ist man unzufrieden mit seiner Situation, sieht aber keinen Ausweg. Wenn man zum Beispiel seine erste Stelle angetreten hat und feststellt, dass man sich für den falschen Beruf entschieden hat. Im zweiten Fall glaubt man seine Ziele nicht erreichen zu können. Das kann auftreten, wenn man beispielsweise Probleme hat eine Stelle zu finden, nachdem man eine Ausbildung oder ein Studium abgeschlossen hat. Aber auch das Scheitern einer Beziehung kann starke Auswirkungen haben 1, 2.

“Schlechte Tage sind ganz normal. Wenn aus Tagen aber Wochen und Monate werden, kann es ratsam sein, sich professionelle Hilfe zu suchen.”

Anna, Sozialarbeiterin an der Wageningen University in den Niederlanden

Oft fühlen Betroffene sich sehr deprimiert, suchen aber oft trotzdem nach Auswegen, die Hoffnung schöpfen lassen. Sollte man jedoch keine befriedigende Lösung finden, bringt einen das ganz schnell wieder zurück in die depressive Verstimmung. Oder man schafft es nicht, sich von einer einengenden Verpflichtung zu lösen. Dann können negative Emotionen einen leicht übermannen 1, 2.

Zweifel kennt wahrscheinlich jeder, was macht daraus eine Krise?

Schaut man sich in seinem eigenen Freundeskreis und der Familie um, wird man feststellen, dass viele Menschen im Laufe ihres Lebens den Partner oder Beruf wechseln. Denn Zweifel bezüglich Entscheidungen, beziehungsweise die Angst davor die falschen zu treffen, sind Teil des Erwachsenwerdens, ja, des ganzen Lebens. Doch können sie bei manchen Menschen so stark sein, dass sie den Alltag beeinflussen und zu einer echten Krise werden. „Schlechte Tage sind ganz normal. Wenn aus Tagen aber Wochen und Monate werden, kann es ratsam sein, sich professionelle Hilfe zu suchen”, sagt Anna, Sozialarbeiterin und Beraterin der Mitarbeiter an der Wageningen University and Research in den Niederlanden.

Was tun, wenn Zweifel zur Krise werden?

Zu Beginn steht oft eine Frage: ‚Habe ich mich für den richtigen Partner/ die richtige Karriere entschieden?‘, ‚Bin ich der Mensch, der ich sein möchte?‘ oder ‚Ist mein Leben, so wie es, ist gut genug?‘ Die vielen Wahlmöglichkeiten können einen laut Anna überfordern. Sie sagt, dass das Phänomen besonders oft bei gut ausgebildeten Menschen auftritt, denen im Prinzip die Welt offensteht. Doch erzeugt das auch einen gewissen Druck, das Beste aus dem Leben zu machen.

“Es ist ratsam, sich von dem zu lösen, was man vermeintlich erreichen muss und sich auf das fokussieren, was einen glücklich macht”

Anna, Sozialarbeiterin an der Wageningen University in den Niederlanden

„Aber auch soziale Medien spielen eine Rolle“, sagt Anna. Denn wir alle wollen dort ein Bild von uns selbst kreieren, dass dem Menschen entspricht, als der wir wahrgenommen werden wollen. Dieses Bild soll natürlich besonders positiv sein. Auf den Plattformen sieht man dann aber auch nur das scheinbar positive, glückliche Leben der Anderen und meint, mithalten zu müssen. Zweifel, Scheitern oder andere negative Dinge werden selten geteilt. Auch das kreiert Druck, etwas Großartiges zu erreichen.

Anna formuliert das so: „Wir haben so viele Wahlmöglichkeiten. Aber der eine Weg ist vielleicht vermeintlich attraktiver als der bereits gewählte. Dann fängt man an zu grübeln und Entscheidungen anzuzweifeln. Darin liegt wohl die Ursache des Dilemmas.”

Was kann man tun, wenn man in einer Krise steckt?

Anna rät, auf sich selbst zu achten, um eine Krise abzuwenden. „Man mag viele Möglichkeiten haben und kann den‚ was wäre, wenn‘ Gedanken endlos ausmalen. Am besten ist es aber, sich klar zu werden, was zur eigenen Persönlichkeit passt. Das kann man herausfinden, indem man sich selbst bestimmte Fragen stellt. Was sind meine Stärken, meine Kernkompetenzen und Werte? Wann oder bei welcher Tätigkeit war ich besonders glücklich? Die eigenen Antworten kann man dann als Ausgangspunkt für zukünftige Entscheidungen nutzen. Nach diesem Prinzip lassen sich generell gute Entscheidungen treffen, auch in einem Alter jenseits der 30.“  

Anna rät außerdem dazu, mit anderen über die Sorgen zu sprechen. Denn sie können einem nicht nur gute Ratschläge geben, man wird höchstwahrscheinlich feststellen, dass man mit diesen Gefühlen nicht allein ist. Das kann schon einmal sehr befreiend wirken.

Es ist also ratsam, sich von dem zu lösen, was man vermeintlich erreichen muss und sich auf das fokussieren, was einen glücklich macht. Dabei ist es aber unvermeidlich zu akzeptieren, dass alles auch seine Schattenseiten hat. Denn den einen perfekten Partner, den einen perfekten Job gibt es nicht. Ein zufriedenes Leben lässt sich dennoch erreichen, sagt Anna. Sie selbst hat in ihrer Studienzeit auch Erfahrungen mit dieser Form der Krise gemacht, es aber geschafft positives daraus mitzunehmen.

“Jede Krise lässt sich zufriedenstellend lösen, auch wenn es sich zeitweise vielleicht unbefriedigend anfühlt”

Anna, Sozialarbeiterin an der Wageningen University in den Niederlanden

Anna ist heute Anfang 50 und in ihrem Beruf gefestigt, konnte sich in ihren 20ern aber nicht so recht für einen Werdegang entscheiden. Sie sagt, dass sie zu viele Interessen hatte und sich deshalb auch gar nicht nur auf eine Sache konzentrieren konnte. Deswegen hat sie viele Studiengänge angefangen und wieder abgebrochen. Erst mit dem Ende der 20er wurde der Druck sich zu entscheiden groß und sie stellte sich eben genau die wichtigen Fragen. Dadurch entschied sie sich Sozialarbeiterin zu werden und hat das auch nie bereut. Sie hätte im Nachhinein dennoch genauso gut etwas anderes wählen und damit glücklich werden können. „Die eine perfekte Wahl gab es nicht.“

Teil des Problems ist nämlich, dass sich in jungen Jahren die Tragweite von Entscheidungen riesig anfühlt, sagt Anna. Man glaubt, das ganze Leben hängt davon ab, genau jetzt das Richtige zu tun. Erst mit mehr Erfahrung merkt man, dass auch schlechte Entscheidungen meist nur einen kleinen Einfluss haben. Und man weiß, dass man sich auch immer wieder umentscheiden und einen anderen Weg finden kann. „Jede Krise lässt sich zufriedenstellend lösen, auch wenn es sich zeitweise vielleicht unbefriedigend anfühlt“, resümiert sie.

Auch Gespräche mit älteren Generationen können bei der Bewältigung helfen. Denn sie haben die Erfahrungen selbst gemacht und wissen, wie sich das erlebte langfristig auswirkt. Daraus kann man lernen, dass auf schlechte Phasen auch immer gute folgen. Es kann einem aber auch aufzeigen, was man besser vermeiden sollte. Oft hadern besonders diejenigen mit ihren Entscheidungen, die in Situationen der Krise das vermeintlich einfachste gewählt haben. Beziehungsweise wenn Entscheidungen dazu führen sollten sich der unangenehmen Situation schnellstmöglich zu entziehen. Dass das nicht das Beste ist sagt auch Anna. Denn auch das Aushalten beziehungsweise das Auseinandersetzten mit einer unschönen Lage sind Teil des Erwachsenwerdens. Man wird gelassener und dadurch wirkt auch das Vorhandensein vieler Wahlmöglichkeiten nicht mehr so überwältigend. Man gewinnt dadurch den Glauben an sich selbst und seine Fähigkeiten.

“Wenn man es selbst nicht schafft, ist es am besten, wenn man professionelle Hilfe sucht”

Anna, Sozialarbeiterin an der Wageningen University in den Niederlanden

Ein weiterer Tipp von Anna ist es Dinge auszuprobieren. Wenn man die Entscheidungen dann bereut, kann man diese Erkenntnis nutzen und analysieren, warum dieser Weg für einen selbst falsch war. Und das kann als Basis für gute Entscheidungen dienen. Sie sagt, dass es dafür nie zu spät ist, auch wenn man den Zustand dann nicht mehr als Quarter Life Crisis bezeichnen kann. Etwas Neues lernen und Dinge verändern kann man das ganze Leben lang.

Laut Anna, sollte man sich bewusst machen, dass die Bewältigung einer Krise Zeit braucht. Doch wenn man es selbst nicht schafft, ist es am besten, wenn man professionelle Hilfe sucht. Man kann sich zunächst an seinen Hausarzt wenden und beraten lassen. Vielleicht gibt es aber auch Ansprechpartner an Schule, Uni oder Arbeitsplatz. Und natürlich gibt es auch die Möglichkeit einen Psychologen/ Psychotherapeuten aufzusuchen. Die eine richtige Anlaufstelle gibt es laut Anna dabei nicht. „Am wichtigsten ist es, dass man das Gefühl hat, es wird einem geholfen.“

„Jeder kann es schaffen Entscheidungen zu treffen, mit denen man zufrieden ist.“ Doch kann es dafür notwendig sein, die eigenen Erwartungen anzupassen. Hat man gelernt schwierige Phasen zu bewältigen, kann einem das gewonnene Wissen und Selbstvertrauen für das weitere Leben stärken. So gesehen braucht man Krisen im Leben, um sich weiterzuentwickeln. Denn, dass sie früher oder später kommen ist gewiss, wenn man später darauf zurückblicken kann und weiß, dass sie einem auch genützt haben, sind diese Phasen doch trotzdem ein Gewinn.


Wichtigste Quellen:

  1. Robinson, O. C. (2015). Emerging adulthood, early adulthood and quarter-life crisis: updating Erikson for the 21st Century. Emerging adulthood in a European context. New York: Routledge.
  2. Robinson, O. C. (2016). Emerging adulthood and quarter-life crisis: A theoretical and empirical view from the UK. In Presentation at 24th Biennial Meeting of the International Society for the Study of Behavioral Development, Vilnius, Lithuania.
  3. Anna Jansen ist Sozialarbeiterin and der Wageningen University and Research. Sie hat jahrelange Erfahrung in der Beratung von Menschen in verschiedensten Krisenlagen. Eigentlich heißt sie anders, der Name würde auf ihren eigenen Wunsch geändert.

Published by Katrin Heidemeyer

Katrin Heidemeyer ist Doktorandin im Bereich Biochemie an der Wageningen University and Research. Durch ihre Arbeit möchte sie das Wissen über die Spezifität von Hormon-Signalen in Pflanzen erweitern. Da ihre Interessen über Pflanzenbiologie hinausreichen, schreibt sie in ihrer Freizeit über diverse Themen. Von Ernährung zu Psychologie, der Neugierde sind keine Grenzen gesetzt.

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