Motivation und Biochemie ermöglichen lebenslanges Lernen

Bild von Mozlaze/ Pixabay

Um für eine neue Herausforderung motiviert zu sein, müssen wir im Vorfeld davon ausgehen, dass die Aufgabe machbar ist, uns aber dennoch fordert. Gedanken, Wahrnehmungen und Einschätzungen bewirken die Freisetzung von Molekülen im Gehirn, die wiederum Emotionen auslösen. Sind diese Emotionen positiv, erzeugt dies das Gefühl von Motivation. Wir können dieses Gefühl bewusst steuern und damit ein Leben lang Neues lernen, erklärte der Hirnforscher Prof. Martin Korte von der TU Braunschweig am 5. Januar 2020 im SWR2 Wissen Podcast.

Wie wandelt das Gehirn Erlebnisse in Emotionen um?

Wenn wir vor einer Aufgabe stehen, die wir als machbar bewerten, wird Dopamin im Gehirn freigesetzt, noch bevor wir anfangen zu arbeiten. Dieses Hormon bewirkt eine euphorische Stimmung und das gibt uns einen Push, also quasi eine Starthilfe, um die Aufgabe zu beginnen. Das gleiche Molekül bewirkt auch die Vorfreude auf einen Urlaub oder auf die Geschenke an Weihnachten. Deswegen wird Dopamin auch als Vorfreude-Hormon bezeichnet. Es regt außerdem Nervenzellen an und fördert so die Konzentration sowie das Langzeitgedächtnis und damit das Lernen.

Sind wir hingegen von einer Aufgabe überfordert, sorgt das für die Freisetzung von Stresshormonen, noch bevor wir überhaupt angefangen haben. Diese Stoffe gelangen aus den Nieren in das Blut und verringern unter anderem unsere Konzentrationsfähigkeit. Das bedeutet, dass wir einer Aufgabe weniger gut gewachsen sind, wenn wir im Vorhinein davon ausgehen, diese nicht erfüllen zu können. Außerdem fällt es uns viel schwerer uns aufzuraffen, wenn wir sowieso vom Scheitern ausgehen.

„Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Ein altes Sprichwort, widerlegt durch neue Forschung.

Haben wir uns einmal aufgerafft, unsere Spanischvokabeln zu lernen oder den neuen Griff an der Gitarre zu üben, wird ein ganz bestimmter Bereich des Gehirns aktiviert. Nämlich der so genannte Nucleus accumbens. Dieses Hirnareal schüttet morphium- und opiumähnliche Stoffe aus, die in uns Freude und Zufriedenheit auslösen. Das geschieht jedes Mal, wenn wir etwas Neues lernen, eine Aufgabe erledigen, ein Problem lösen oder allgemein positive Erlebnisse haben. Diese Stoffe bewirken, dass wir uns in der Situation gut fühlen aber auch, dass wir uns positiv an sie erinnern. Es fällt uns dann in Zukunft leichter, uns für die gleiche Aufgabe zu motivieren. Denn das Gehirn weiß, dass es den Cocktail aus Dopamin, Morphinen und Opioiden mit akzeptablem Aufwand erhalten kann.

Bei trivialen Aufgaben funktioniert dieser Mechanismus nicht, eine gewisse Herausforderung muss es schon sein. Andersrum halten uns negativ abgespeicherte Erlebnisse in Zukunft eher davon ab, uns der Situation noch einmal zu stellen. Die Chemikalien im Gehirn bestimmen also, ob wir motiviert sind etwas Neues zu versuchen, eine bekannte Aufgabe erneut anzugehen, oder ob wir doch lieber einen Bogen darum machen wollen. So gesehen ist Motivation von biochemischen Prozessen in unserem Gehirn abhängig und wir brauchen sie, um ein Leben lang zu lernen.

Wie wir unsere Motivation selbst steuern können

Unsere Erwartungen spielen eine wichtige Rolle dabei, wie wir eine Situation wahrnehmen und bewerten. Das heißt auch, dass wir unsere Motivation beeinflussen können. Zuallererst hilft es, die eigenen Erwartungen anzupassen, da wir dazu neigen, uns unerreichbare Ziele zu setzen und aufzugeben, wenn wir diese nicht schnell genug erreichen können. Setzen wir uns jedoch Zwischenziele, können diese eher erreicht werden und das sorgt für Erfolgserlebnisse. Dadurch sind wir motiviert die Aufgabe weiter zu verfolgen und können dadurch unser Endziel erreichen. Darüber hinaus ist es hilfreich, einen Grund zu haben, sich einer neuen Herausforderung zu stellen, um die neue Fähigkeit erfolgreich zu erlernen. Jemand, der Gitarrenunterricht nehmen möchte, um Lieder für seine Enkelkinder zu spielen, ist extra motiviert dieses Ziel zu erreichen.

Um am Ball zu bleiben, wenn man im gehobenen Alter eine neue Fähigkeit erlernen möchte, ist es außerdem wichtig zu akzeptieren, dass es etwas länger dauern kann als früher. Es ist ohnehin utopisch zu erwarten, in drei Wochen eine neue Sprache zu lernen, wenn wir auch als Kinder Jahre damit verbracht haben. Dann sollte man auch den sozialen Faktor des Lernens in einer Gruppe nicht unterschätzen. Die Teilnahme an Gruppenaktivitäten bewirkt die Freisetzung von Hormonen wie dem sogenannten Kuschelhormon Oxytocin. Diese Moleküle binden sich an die Synapsen und fördern das Lernen. Wir profitieren also mehr von einem Sprachkurs als von der Nutzung einer App zu Hause.

Wir alle kennen das Hochgefühl motiviert eine neue Aufgabe zu beginnen. Wissenschaftler können erklären, wie dieses Gefühl zustande kommt und damit auch, wie wir selbst zu dessen Entstehung beitragen können. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse, die den Zusammenhang zwischen Molekülen im Gehirn und Motivation beschreiben, erklären auch, warum selbstbewusste Leute oft erfolgreicher sind. Ihre positive Einstellung hilft ihnen sich Herausforderungen zu stellen, aber auch diese besser zu meistern.

Natürlich stellt das Gehirn eines Kindes leichter neue Verknüpfungen her und erlaubt es ihnen deshalb mit Leichtigkeit zu lernen. Aber mit einer positiven Einstellung und dem Wissen, wie man die Biochemie seines Gehirns beeinflusst, kann man ein Leben lang dazulernen. Dann kann man auch noch im Rentenalter eine Sprache lernen oder sich mit Smartphones auseinandersetzen. 


Weitere Quellen:

Robbins, T. W., & Everitt, B. J. (1996). Neurobehavioural mechanisms of reward and motivation. Current opinion in neurobiology6(2), 228-236.

Westbrook, A., & Braver, T. S. (2016). Dopamine does double duty in motivating cognitive effort. Neuron89(4), 695-710.

https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/morphiumrausch-im-gehirn/  18. März 2008

https://www.medicom.de/lebennurbesser/interview-mit-hirnforscher-martin-korte/ 11. April 2018

Published by Katrin Heidemeyer

Katrin Heidemeyer ist Doktorandin im Bereich Biochemie an der Wageningen University and Research. Durch ihre Arbeit möchte sie das Wissen über die Spezifität von Hormon-Signalen in Pflanzen erweitern. Da ihre Interessen über Pflanzenbiologie hinausreichen, schreibt sie in ihrer Freizeit über diverse Themen. Von Ernährung zu Psychologie, der Neugierde sind keine Grenzen gesetzt.

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