Ungeborene Frucht

Foto: Freepik

Neulich war ich bei einer Freundin und habe bei ihr ein kleine Glasflasche mit einem ziemlich seltsamen Inhalt gesehen. Ihr Wohnzimmer ist voller großer Palmen, Sukkulenten, Farne und hängendem Efeu. Die Pflanzen befinden sich an den Wänden, über dem Sofa und auf der Fensterbank. Es waren jedoch nicht die Pflanzen, die meine Aufmerksamkeit erregten.

Ziemlich bizarr

Auf der Fensterbank, zwischen der Aloe Vera und einem Farn funkelte ein kleines Glas im Sonnenlicht. Dieses war mit einer farblosen Lösung gefüllt und darin befanden sich drei kleine weiße Gegenstände, die manche Menschen schockieren könnten. Vielleicht hat meine Freundin sie deshalb so offensichtlich in ihrem Wohnzimmer platziert. Das Glas enthält drei Embryonen. Bei genauem Hinsehen sind mir an ihnen kleine Schwänze aufgefallen. Denn die Embryonen sind nicht menschlich, sondern von Mäusen.

Nicht einzigartig

Weibliche Mäuse tragen Embryonen in ihren Bäuchen, genau wie Menschen und einige andere Tiere. Diese Embryonen werden nach der Geburt zu erwachsenen Tieren. Aber Embryonen sind nicht nur in der Tierwelt zu finden. Tatsächlich waren viel mehr von ihnen im Wohnzimmer meiner Freundin vorhanden als die drei im Glas. Und nein, meine Freundin war nicht mit Drillingen schwanger. Aber ihre Pflanzen enthalten auch Embryonen.

Ja wirklich. Pflanzen wachsen wie Menschen und Tiere aus einem Embryo, der bei der Befruchtung einer Eizelle entsteht. Ihr denkt jetzt sicher: „Wo versteckt die Pflanze diese kleinen Embryonen?“. Schließlich haben sie keine Gebärmutter. Oder doch? Die heranwachsenden Früchte von Pflanzen enthalten kleine Taschen, die das Äquivalent einer Gebärmutter sind. Sie werden auch als Ovulum bezeichnet. Man kann diese besonders gut sehen, wenn man die Schoten junger Bohnen gegen Licht hält. Nach der Befruchtung der Eizelle wächst der Embryo heran und das Ovulum entwickelt sich zu einem Samen. Mit der Zeit werden die Eizellen zu Samen, die den kleinen Embryo vor Kälte, Wind, Trockenheit und anderen rauen Bedingungen schützen.

Die kleinen Erbsen sind Beispiele für Ovulum/ Samen.

Gefängnisstrafe

Das Wissen um Pflanzen-Embryonen ist mehr als ein Fun Fact. Forscher auf der ganzen Welt verbringen ihre Zeit damit, die Geheimnisse pflanzlicher Embryonen zu erforschen und zu enträtseln. Das Herumdoktern an menschlichen Embryonen ist strafbar. Aber mit Pflanzen-Babys können sie die verschiedensten Experimente durchführen.

Ein mikroskopisches Bild eines Pflanzenembryo (Foto: Tatyana Radoeva)

Wissenschaftler können ihr genetisches Material verändern, siamesischen Zwillinge züchten oder lumineszierende Pflanzen entwickeln. Seltsame Mutanten wachsen zu reifen Pflanzen heran, ohne dass jemand vor einer Gefängnisstrafe bangen muss. Doch, so seltsam das alles klingen mag, die Wissenschaftler tun dies nicht zum Spaß. Sondern um die Entwicklung der Embryonen zu verstehen.

Wissen ist Macht

In Pflanzen-Embryonen untersuchen Wissenschaftler zum Beispiel, wie Stammzellen entstehen. Ja, auch Pflanzen haben Stammzellen. Außerdem können sie lernen, wie bestimmte Zelltypen entstehen und wie sich Pflanzenzellen teilen. All dies ist in einem Embryo, der aus einem Klumpen von 16 Zellen besteht, einfacher zu untersuchen als in einer erwachsenen Pflanze, die Millionen Zellen enthält. Leider können Wissenschaftler das Wissen, das sie über Pflanzen gewinnen, nicht auf menschliche oder tierische Embryonen anwenden. Sie sind einfach zu unterschiedlich.

Foto: Die Mausembryonen. Wenn Sie genau hinschauen, können Sie die kleinen Mausschwänze sehen.

Das gesamte grundlegende Wissen, das Forscher durch Studien an Pflanzenembryonen gewinnen, wird jedoch gespeichert und in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlicht. Mit diesem Wissen könnten andere Wissenschaftler in Zukunft möglicherweise Supermais, schnell wachsende Bäume oder hitzebeständige Pflanzen herstellen. Diese heranwachsenden Pflanzen, von denen so viele Menschen nichts wissen, sind also wertvoll.

Schade, dass Pflanzen-Embryonen so klein sind, dass man sie mit bloßem Auge nicht sehen kann. Sonst würde ich sie in einem Glas in meinem Wohnzimmer ausstellen, wie die Maus-Embryonen in der Wohnung meiner Freundin.


Lest hier mehr über die Bedeutung der Grundlagenforschung

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