Ich habe mich geirrt – Online Konferenzen

Foto credit: Feeepik

Ich gebe zu: Ich habe mich geirrt. Vor einigen Jahren, während meiner Doktoranden-Zeit, hat ein Kollege die Frage in den Raum geworfen, warum wir für die Teilnahme an Konferenzen immer noch um die Welt reisen. “Schließlich haben wir das Internet, Skype und andere moderne Technologien”, sagte er. Ich sprang sofort in das Gespräch ein und argumentierte leidenschaftlich, dass echte Zusammenkünfte für die Wissenschaft notwendig sind: Forscher müssen zusammenkommen, sich vernetzen, ihre Ergebnisse präsentieren und Ergebnisse diskutieren. Diese hitzige Diskussion endete abrupt mit dem schrillen Geräusch des Timers, der mich aufforderte, zu meinem Laborexperiment zurückzukehren. Wir haben das Gespräch nie wieder aufgenommen, aber ich war damals völlig davon überzeugt, dass ich Recht hatte.

Und dann traf uns die Coronavirus-Krise. Plötzlich sind alle zu Hause gestrandet und Flugzeuge fliegen kaum noch. Internationale Reisen sind unmöglich, Konferenzen und Tagungen wurden verschoben. Aber nicht alle von ihnen. In den letzten zwei Monaten habe ich an einer Online-Konferenz, einem Webinar und einem Online-Symposium teilgenommen. Alles aus meinem Wohnzimmer. Und obwohl ich anfangs meine Zweifel hatte, waren alle drei ein großer Erfolg.

Zunächst spart eine Online-Konferenz Reisezeit. Normalerweise müsste ich erstmal zum Bahnhof kommen, säße eine Stunde im Zug, hätte eine zweistündige Wartezeit am Flughafen vor mir, sowie einen fünfstündigen Flug, würde dann noch auf mein Gepäck warten und hätte dann noch eine Taxifahrt zum Konferenzzentrum vor mir. In Zeiten von Corona starte ich zuhause meinen Laptop, fünf Minuten vor der ersten Präsentation. Dadurch habe ich mehr als neun Stunden meines Lebens gespart.

Es kann anstrengend sein, sich den ganzen Tag auf Vorträge zu konzentrieren. Ehrlich gesagt, schlafe ich regelmäßig während Konferenzen ein. Nicht weil die Präsentationen langweilig sind, sondern weil riesige Mengen an Informationen auf einen abgefeuert werden. In diesem Fall ist es ein großer Vorteil, zuhause hinter dem Laptop zu sitzen. Denn ein fünfminütiges Nickerchen auf der Couch, ein Spaziergang im Garten und ein starker Espresso wirken Wunder. Danach kann man wieder erfrischt an der Konferenz teilnehmen. Das ist viel besser – und weniger peinlich – als vor einem Forscher einzuschlafen, während er oder sie begeistert über die neuesten Forschungsergebnisse spricht.

“Einfach aufstehen und sich einen Kaffee holen oder zur Toilette gehen. Bei einer Live-Konferenz unangenehmen, im Wohnzimmer aber kein Problem.”

Ein weiterer großer Vorteil von Online-Konferenzen ist, dass die Kosten erheblich niedriger sind als die eines physischen Treffens. Denn es sind weder Flug, Hotel noch Restaurant nötig. Natürlich zahlt der Arbeitgeber die Kosten, aber das Budget für solche Meetings ist begrenzt. Online-Konferenzen sind billig oder kostenlos, sodass jeder an mehr Konferenzen, Kursen, und Symposien teilnehmen und mehr Wissen austauschen kann.

Und vergessen wir nicht die Umwelt. Weniger fliegen bedeutet weniger Umweltbelastung. Mehrere Universitäten haben bereits Beschränkungen auf Geschäftsreisen eingeführt. So dürfen beispielsweise Mitarbeiter der Universität Groningen nicht mehr mit dem Flugzeug in Entfernungen von weniger als fünfhundert Kilometern reisen. Wenn wir überhaupt nicht reisen müssen, um uns auf der ganzen Welt zu treffen, reduzieren wir den CO2-Ausstoß noch weiter.

Doch leider hat es auch Nachteile, sich überhaupt nicht zu treffen. Das habe ich auch schon vor einigen Jahren versucht meinem Kollegen klar zu machen. Der persönliche Kontakt und die Vernetzung sind wichtige Bestandteile einer Konferenz. Am Ende eines Tages entstehen regelmäßig neue Ideen oder Kooperationen, während man Erfrischungen zu sich nimmt. Diese wertvollen Momente sind online schwer zu rekonstruieren.

“Du hattest Recht, und ich habe mich geirrt”

In Zukunft sollten die Organisatoren jeder Konferenz kritisch prüfen, ob tatsächliche Präsenz erforderlich ist. Wir müssen Online-Konferenzen fördern und sie weiterhin durchführen. Hoffentlich überzeugt die Corona-Krise auch andere Skeptiker davon, dass Online-Konferenzen eine hervorragende Alternative zu vielen echten Zusammenkünften sind. Und zu meinem ehemaligen Kollegen sage ich: “Du hattest Recht, und ich habe mich geirrt”.

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